Kaum ein Begriff taucht gerade so häufig auf wie neurodivergent. Auf Instagram, in Podcasts, in Therapiepraxen, in Selbsthilfegruppen. Manche nutzen ihn stolz als Teil ihrer Identität. Andere rollen die Augen und fragen: Ist das nicht einfach ein Modewort für Menschen, die sich besonders fühlen wollen?

Als Klinische Psychologin erlebe ich immer wieder, dass Menschen sich fragen: Bin ich neurodivergent? Habe ich ADHS oder Autismus? Und was bedeutet das überhaupt? Diese Fragen sind verständlich. Gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
In meiner Arbeit mit Schwerpunkt auf ADHS, Neurodivergenz und psychischer Gesundheit bei Erwachsenen begleite ich regelmäßig Menschen, die erst spät erkennen, dass ihr Gehirn schon immer ein bisschen anders funktioniert hat. Die jahrelang gedacht haben, sie seien einfach „zu chaotisch", „zu empfindlich", „zu wenig diszipliniert". Und die dann in einem Gespräch, in einer Diagnose oder in einem Satz über neurodivergente Erlebenswelten zum ersten Mal das Gefühl haben: Ah. Das bin ich. Das erklärt so vieles.
Genau deshalb möchte ich in diesem ersten Blogbeitrag die grundlegenden Konzepte klären – sachlich, aber ohne Fachchinesisch.
Denn Sprache prägt unser Verständnis von psychischer Gesundheit und damit auch den Blick auf uns selbst.
Der Begriff Neurodiversität entstand Ende der 1990er Jahre im Kontext der Autismus-Selbstvertretungsbewegung und beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und neurologischer Entwicklungswege (Dwyer, 2022).
Neurodiversität beschreibt die neurologische Variationsbreite der gesamten Menschheit – ähnlich wie Biodiversität das gesamte Ökosystem beschreibt, nicht eine einzelne Pflanze. Wir alle sind Teil der Neurodiversität der Menschheit (Walker, 2021; Montague-Cardoso et al., 2025). Der Begriff bezieht sich auf die Population, nicht auf das Individuum. Menschen haben unterschiedliche Gehirne. Unterschiedliche Denkweisen. Unterschiedliche Arten, die Welt wahrzunehmen. So wie Biodiversität die Vielfalt der Natur beschreibt, beschreibt Neurodiversität die Vielfalt menschlicher Gehirne.
Neurodivergenz beschreibt dagegen eine einzelne Person, deren neurologische Entwicklung von der gesellschaftlichen Norm abweicht (Walker, 2021). Das Gegenstück ist „neurotypisch". Neurodivergenz ist keine Diagnose, sie ist eine Beschreibung einer Erfahrungswelt. Jemand kann sich als neurodivergent identifizieren, ohne eine offizielle psychiatrische Diagnose zu haben.
Und genau das hat klinische Konsequenzen: Menschen, die sich neurodivergent erleben, aber keine Diagnose erhalten haben, zeigen im Durchschnitt die schlechtesten psychischen Ausgangswerte bei Behandlungsbeginn – noch schlechter als jene mit formaler Diagnose (Kroll et al., 2024). Das jahrelange Warten, Zweifeln, das „Vielleicht bilde ich mir das ja nur ein" kostet psychische Gesundheit.
Unter dem Begriff neurodivergent fallen heute verschiedene Zustände: ADHS, Autismus-Spektrum-Zustände, Legasthenie, Dyskalkulie und weitere. Sie treten häufig gemeinsam auf, womit Ko-Okkurrenz eher die Regel als die Ausnahme ist (Montague-Cardoso et al., 2025). Menschen mit ADHS haben etwa ein deutlich erhöhtes Risiko, auch Angststörungen, Depressionen oder Autismus-Spektrum-Züge zu haben.
Diese Unterscheidung klingt akademisch, hat aber reale Konsequenzen: Neurodivergenz ist keine Diagnose. Sie ist eine Beschreibung einer Erfahrungswelt. Jemand kann sich als neurodivergent identifizieren, ohne je eine offizielle psychiatrische Diagnose erhalten zu haben – und das ist legitim.
Warum das wichtig ist? Weil viele Menschen, insbesondere Frauen, jahrzehntelang durch das Diagnosenetz fallen. Sie lernen zu funktionieren, zu maskieren, anzupassen. Und sie zahlen dafür einen Preis, den wir erst langsam zu beziffern beginnen.
Dass wir diese Zustände lange getrennt betrachtet und separat behandelt haben, war einer der großen Fehler der klinischen Psychologie und Psychiatrie. Ein Fehler, der gerade korrigiert wird. Aktuelle transdiagnostische Forschung zeigt, dass ADHS, Autismus und verwandte Zustände nicht als klar voneinander abgegrenzte Kategorien verstanden werden sollten, sondern als Teile eines gemeinsamen neuroentwicklungsbedingten Spektrums – einer biologischen Dimension, die sich mit anderen psychiatrischen Dimensionen wie Angst oder Depression überschneidet (Michelini et al., 2024). Das erklärt, warum so viele Menschen trotz eindeutiger Symptome durch das diagnostische Raster fallen: Wer nicht „genug" ADHS-Symptome hat, um eine Diagnose zu erhalten, ist nicht einfach neurotypisch. Er oder sie bewegt sich auf einem Kontinuum.
„Alle haben plötzlich ADHS" – dieser Satz begegnet mir regelmäßig. Ich verstehe, warum er entsteht. Aber steigende Diagnosezahlen bedeuten nicht, dass mehr Menschen ADHS entwickeln. Sie bedeuten, dass wir es besser erkennen – vor allem bei Frauen und bei Menschen, die historisch übersehen wurden (Poddar et al., 2025).
Die biologische Grundlage von ADHS ist wissenschaftlich so gut belegt wie bei kaum einer anderen psychischen Erkrankung. Eine Studie in Nature, die das Genom von 8.895 Menschen mit ADHS und 53.780 Kontrollpersonen analysierte, identifizierte drei Gene (MAP1A, ANO8, ANK2) mit stark erhöhtem ADHS-Risiko. Diese Gene sind besonders aktiv in dopaminergen und GABAergen Neuronen des Gehirns (Demontis et al., 2025).
Zwillingsstudien zeigen: 77 bis 88 % des ADHS-Risikos sind genetisch bedingt (Demontis et al., 2025). Zum Vergleich: Die Erblichkeit der Körpergröße liegt ebenfalls bei etwa 80 %. ADHS ist also keine Faulheit, kein Erziehungsversagen – sondern eine neurologische Entwicklungsvariante mit einer klar belegten biologischen Grundlage.
Die Forschung ist eindeutig: Menschen, die sich als neurodivergent erleben – ob mit oder ohne Diagnose – haben im Durchschnitt eine schlechtere psychische Gesundheit als neurotypische Menschen. Interessanterweise zeigt sich dabei: Menschen mit neurodivergenter Selbstidentifikation, aber ohne formale Diagnose, wiesen zu Beginn einer Behandlung die ungünstigsten psychischen Ausgangswerte auf – noch schlechtere als jene mit einer gesicherten Diagnose (Kroll et al., 2024).
Das bedeutet: Das Warten auf eine Diagnose, jahrelanges Zweifeln und Gedanken wie „Vielleicht bilde ich mir das ja nur ein“ können die psychische Gesundheit erheblich belasten.
Gleichzeitig zeigt dieselbe Studie etwas Hoffnungsvolles: Menschen profitieren von einer identitätsaffirmativen Behandlung – also einer Therapie, die Neurodivergenz nicht als Defizit betrachtet, sondern als Teil der individuellen Persönlichkeit. Am Ende des Behandlungsprogramms bestanden zwischen den Gruppen keine signifikanten Unterschiede mehr in der Symptomverbesserung (Kroll et al., 2024).
Das bestätigt, was ich in meiner klinischen Arbeit immer wieder erlebe: Es geht nicht darum, das Gehirn zu „reparieren“. Es geht darum, die eigenen Ressourcen zu erkennen, hilfreiche Strategien zu entwickeln und eine Beziehung zu sich selbst aufzubauen, die von Verständnis statt von Selbstkritik geprägt ist.
Keine Diagnose zu haben bedeutet nicht, nicht betroffen zu sein. Bis zu 17,7 % der klinisch überwiesenen Kinder zeigen eine sogenannte subthreshold-ADHS – sie erfüllen nicht alle diagnostischen Kriterien, weisen aber dennoch erhebliche Beeinträchtigungen in Schule, Familie und Alltag auf, die jenen von Kindern mit einer vollständigen ADHS-Diagnose kaum nachstehen (Ogundele & Morton, 2025). Auch bei Erwachsenen zeigt sich dieses Muster: Rund 75 % der Menschen, die ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter erhalten, hatten bereits in der Kindheit mindestens einmal subthreshold-Ausprägungen. Wer damals durchs diagnostische Raster gefallen ist, war deshalb nicht weniger betroffen. Die Grenze zwischen „ADHS“ und „kein ADHS“ entsteht im Klassifikationssystem – nicht in der Biologie (Hauck & de Oliveira, 2025).
Dein Gehirn ist nicht kaputt. Es braucht vielleicht andere Bedingungen. Und jemanden, der versteht, wie es funktioniert.
Das Neurodiversitätsparadigma hat die Diskussion über psychische Gesundheit grundlegend verändert. Es lädt dazu ein, nicht ausschließlich zu fragen: „Was stimmt mit dieser Person nicht?“, sondern auch: „Wie gut passen die Anforderungen der Umwelt zu den Bedürfnissen dieser Person?“
Viele Schwierigkeiten entstehen nicht allein durch individuelle Merkmale, sondern auch durch eine mangelnde Passung zwischen Person und Umwelt (Sonuga-Barke & Thapar, 2021).
Das bedeutet jedoch nicht, Belastungen oder Leidensdruck zu leugnen. Menschen mit ADHS berichten häufig von erheblichen Einschränkungen im Alltag – etwa in der Selbstorganisation, der Emotionsregulation oder in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Ein neurodiversitätsorientierter Blick bedeutet deshalb nicht, Schwierigkeiten zu romantisieren oder zu bagatellisieren. Vielmehr ermöglicht er einen differenzierten Zugang: Herausforderungen dürfen benannt werden, ohne den Menschen auf seine Defizite zu reduzieren. Gleichzeitig können Stärken und Potenziale sichtbar werden, die in einer ausschließlich defizitorientierten Betrachtung leicht übersehen werden.
Neurodivergenz ist eine andere Art, in der Welt zu sein – mit eigenen Stärken, eigenen Herausforderungen und einem Gehirn, das Informationen auf eine Weise verarbeitet, für die unsere Gesellschaft oft zu wenig Raum lässt.
Vielleicht denkst du jetzt: Wozu brauche ich diese begrifflichen Feinheiten? Ob ich mich „neurodivers“ oder „neurodivergent“ nenne – das ändert doch nichts an meiner Erfahrung.
Doch Begriffe prägen, wie wir über uns selbst und andere denken. Wenn „Neurodiversität“ missverstanden wird – etwa als persönliches Merkmal, als Entschuldigung oder als bloße Trendidentität –, wird es leichter, das Konzept insgesamt zu entwerten. Und damit steigt auch die Gefahr, die tatsächlichen Erfahrungen neurodivergenter Menschen zu relativieren.
Ein Scoping Review, der 46 empirische Studien aus zehn Datenbanken über einen Zeitraum von 30 Jahren analysierte, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Der Begriff „Neurodiversität“ wird in der wissenschaftlichen Literatur äußerst uneinheitlich verwendet. Die Autor identifizierten drei grundlegend unterschiedliche Konzeptualisierungen, die zu Verwirrung in Forschung, Diagnostik, Förderung und klinischer Praxis beitragen (McLennan et al., 2025).
Klarheit in der Sprache ist deshalb keine akademische Spielerei. Sie ist eine Voraussetzung für gute Diagnostik, fundierte Forschung und eine qualitativ hochwertige Versorgung.
In den nächsten Blogbeiträgen gehe ich unter anderem auf ADHS bei Frauen, Masking und soziale Anpassung sowie auf die Frage ein, welche Bedeutung Diagnosen in einer Gesellschaft haben, die ihr Verständnis von Neurodivergenz gerade grundlegend verändert.
Ich freue mich, wenn du mich auf diesem Weg begleitest.
Demontis, D., Duan, J., Hsu, Y.-H.H., Pintacuda, G., Grove, J., Nielsen, T. T., Bourgeron, T., Chambert, K.,Churchhouse, C., Douard, E., Fanous, A. H., Franke, B., Gelernter, J., Huang,H., Kendler, K. S., Langley, K., Mattheisen, M., Medland, S. E., Neale, B. M.,… Børglum, A. D. (2025). Rare genetic variants confer a high risk of ADHD andimplicate neuronal biology. Nature, 649, 909–917.https://doi.org/10.1038/s41586-025-09702-8
Dwyer, P. (2022). The neurodiversityconcept was neurotypical all along. Autism, 26(5), 1176–1183.https://doi.org/10.1177/13623613221080301
Hauck, S., & de Oliveira, L. T.(2025). Beyond overdiagnosis: Reframing autism prevalence through aneurodivergent phenotype lens. Jornal de Pediatria, 101(6), 101467.https://doi.org/10.1016/j.jped.2025.101467
Kroll, E., Lederman, M., Kohlmeier,J., Kumar, K., Ballard, J., Zant, I., & Fenkel, C. (2024). The positiveimpact of identity-affirming mental health treatment for neurodivergentindividuals. Frontiers in Psychology, 15, 1403129.https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1403129
McLennan, H., Aberdein, R., Saggers,B., & Gillett-Swan, J. (2025). Thirty years on from Sinclair: A scopingreview of neurodiversity definitions and conceptualisations in empiricalresearch. Review Journal of Autism and Developmental Disorders.https://doi.org/10.1007/s40489-025-00493-2
Michelini, G., Carlisi, C. O., Eaton,N. R., Elison, J. T., Haltigan, J. D., Kotov, R., Krueger, R. F., Latzman, R.D., Li, J. J., Levin-Aspenson, H. F., Salum, G. A., South, S. C., Stanton, K.,Waldman, I. D., & Wilson, S. (2024). Where do neurodevelopmental conditionsfit in transdiagnostic psychiatric frameworks? Incorporating a newneurodevelopmental spectrum. World Psychiatry, 23(3), 333–357.https://doi.org/10.1002/wps.21225
Montague-Cardoso, K., Beardon, L.,& Kirby, A. (2025). Neurodivergence and mental health – Recognising whatneeds championing and challenging. PLOS Mental Health, 2(3), e0000271.https://doi.org/10.1371/journal.pmen.0000271
Ogundele, M. O., & Morton, M. J.S. (2025). Subthreshold autism and ADHD: A brief narrative review for frontlineclinicians. Pediatric Reports, 17(2), 42.https://doi.org/10.3390/pediatric17020042
Poddar, A., Gaddam, S., Sonnaila, S.,Bavaraju, V. S. M., & Agrawal, S. (2025). Unravelingattention-deficit/hyperactivity disorder etiology: Current challenges andfuture directions in treatment. NeuroSci, 6(2), 41.https://doi.org/10.3390/neurosci6020041
Sonuga-Barke, E. J. S., & Thapar,A. (2021). The neurodevelopmental basis of ADHD. Annual Review of Medicine,72, 489–503. https://doi.org/10.1146/annurev-med-080219-011020
Walker, N. (2021). Neuroqueerheresies: Notes on the neurodiversity paradigm, autistic empowerment, andpostnormal possibilities. Autonomous Press.
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